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Buchtipps


5 Tipps von Julia Nauhaus

Kunst- und Literaturhistorikerin

Julia NauhausJulia M. Nauhaus, 1975 in Zwickau/Sachsen geboren, leitet seit dem 1. April 2016 Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Kunst- und Literarhistorikerin begann ihre Museumslaufbahn in Braunschweig und war bis vor kurzem Direktorin des Lindenau-Museums in Altenburg/Thüringen. Die leidenschaftliche Museumsfrau hat vor allem zu Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts geforscht und publiziert, aber auch zu Künstlern des 20. Jahrhunderts, findet Museums- und Sammlungsgeschichte(n) spannend, schreibt und gestaltet gern Bücher und hält gern Vorträge. Hier präsentiert sie ihre fünf Lieblingsbücher.

Charles Morgan / Sparkenbroke Charles Morgan| "Sparkenbroke" ("Die Flamme")
Julia Nauhaus: "Die Bücher von Charles Morgan habe ich fast sämtlich mehrfach gelesen; sie faszinieren mich alle und es ist schwer, ein einzelnes hervorzuheben. Die Grundthemen, die Morgan variiert, sind Liebe und Tod, künstlerische Kreativität, innere Freiheit, oft sind es Dreiecksgeschichten. Es sind Fragen, die uns alle mehr oder minder umtreiben. Die Reise erzählt von einem ungleichen Paar: einer Pariser Chansonette und einem Weinbauern. Die Flamme habe ich während eines Italienaufenthaltes im englischen Original gelesen, die klare Sprache zog mich tief in ihren Bann ebenso wie die „Geschichte“ selbst. Ein Teil des Romans spielt in Lucca – die Hauptfigur schreibt über das „Volto santo“, dem Kruzifix im Dom von Lucca, dessen Geschichte in die Anfänge des Christentums zurückführt. In Lucca verbrachte ich einmal zehn Tage – auf den Spuren des Buches wandelnd, so dass es sich für mich mit dem rund um die Altstadt laufenden Wall, den schmalen Gassen und den Kirchen, aber auch dem Sonnenlicht und der Geruhsamkeit der Stadt, die bei weitem nicht so touristisch überlaufen ist wie etwa Florenz, verbindet."
Verlagsinfo: Charles Morgan, Sohn eines hohen Beamten, wurde am 22. Januar 1894 in Kent/England geboren. Als Formkünstler hohen Grades und ebenso kontemplativ erhellender wie dramatisch spannender Erzähler hat er sich, vor allem auch in Deutschland, einen großen Leserkreis gewonnen. Schon früh regten sich literarische Interessen. Mit dreizehn Jahren trat er in die Marine ein, quittierte aber 1913 den Dienst, um sich aufs Studium vorzubereiten. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges störte diese Pläne. Morgan geriet in Gefangenschaft und wurde erst im Jahre 1917 aus seiner holländischen Internierung entlassen. Auf der Heimfahrt büßte er bei der Versenkung seines Schiffes alle vorhandenen Manuskripte ein. 1919 ging er an die Universität Oxford. Im gleichen Jahre erschien nach vor ausgegangenen gelegentlichen lyrischen Veröffentlichungen sein erstes Prosawerk "The Gun Room", ein Roman, der Eindrücke aus seiner Marine-Zeit festhielt, jedoch bald ohne Angabe der Gründe aus dem Buchhandel zurückgezogen wurde. Seine späteren Bücher "Portrait in a Minor", 1929 (Das Bildnis), "The Fountain", 1932 (Der Quell) und "Sparkenbroke", 1936 (Die Flamme) gestalten die großen Themen Liebe, Freundschaft, Kunst und Tod in platonisch-metaphysischer Sicht.
Antiquariat

Adalbert Stifter: Der Nachsommer Adalbert Stifter | Der Nachsommer
Julia Nauhaus: "Auch mit Adalbert Stifter verbindet mich eine persönliche „Geschichte“: Ich war noch nicht in der Schule, als meine Eltern mit mir einen Urlaub in Stifters Geburtsort Oberplan (Horní Planá) verbrachten, und mir mein Vater aus den Bunten Steinen vorlas. Ich konnte nicht genug bekommen! Einige der Erzählungen spielten ja genau an dem Ort, an dem wir in einem winzigen Anbau an ein Häuschen eines alten tschechischen Ehepaars wohnten. Später, in der Pubertät, fand ich keinen Zugang mehr zur Welt Stifters. Dies dauerte, bis ich Mitte 20 war. Die Lektüre des Nachsommers hatte damals für mich etwas balsamisch-heilendes, beruhigendes, die Langsamkeit des Erzählens, der Detailreichtum faszinierten mich. Einige Bilder habe ich im Gedächtnis behalten, das Rosenhaus natürlich, die Ausführungen zu den Möbeln, zum Garten. Das Buch strömt für mich etwas Besonderes aus, eine Gegenwelt zu unserem hektischen Getriebensein."
Verlagsinfo: Nichts ist langweiliger, als der Literatur immer wieder ihre Langweiligkeit vorzuwerfen. Vor allem "Der Nachsommer" musste sich diesen Vorwurf von jeher gefallen lassen. Übersehen wird dabei jedoch, wie kühn dieser Roman bereits auf die Moderne verweist. Im gleichen Jahr wie "Madame Bovary" und Baudelaires "Blumen des Bösen" erschienen, ist Stifters "Nachsommer" der erste deutsche Roman, der buchstäblich vor Augen führt, was übrig bleibt, wenn man den großen – auch politischen – Erzählungen nicht länger glauben kann: die hohe Kunst des Alltags und der Wiederholung. Mit dem Werkbeitrag aus dem Neuen Kindlers Literatur Lexikon.
Verlag: Fischer


Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft Mascha Kaléko |  „Das lyrische Stenogrammheft“
Julia Nauhaus: „Die Schulzeit in der DDR hat mir Gedichte vergällt; in nahezu jedes Gedicht musste ein sozialistischer Inhalt hinein- oder aus ihm herausinterpretiert werden. Doch gibt es einige wenige Dichter_innen, deren Gedichte ich mag und ab und an lese. Mascha Kaléko gehört dazu. Ihre Gedichte bleiben immer jung und treffend, von „Einmal sollte man…“ bis zu den Liebesgedichten. Trotz aller schweren persönlichen Erfahrungen sind da Witz und Ironie, manchmal eine Leichtigkeit, immer aber innere Wahrheit und Aufrichtigkeit. Es ist auch die Biographie der jüdischen Dichterin, die mich berührt, nachdenklich und traurig macht, der Abbruch ihrer Karriere durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten, wie bei so vielen Künstlern jener Zeit. Die langen Jahre des Exils, das Nie-Heimisch-Werden in den USA oder Israel, sie opfert sich auf für Mann und Sohn, ist beiden innig zugetan, eine symbiotisch erscheinende Beziehung. Schon früh hatte sie Angst, ihre Angehörigen zu überleben, den Tod von Mann und Sohn – 1968 und 1973 – verkraftet sie kaum und stirbt 1975 in Zürich.“
Verlagsinfo:
Mascha Kalékos Gedichte von Liebe, Abschied und Alleinsein und von der Sehnsucht sind von jener "aufgeräumten Melancholie", die Thomas Mann an ihnen rühmte. Ihre volksliedhaften Verse sind Großstadtmärchen, die sich zu einem Lesebuch vom Leben summieren.
Verlag: Rohwolt


Irène Némirovsky: David Golder Irène Némirovsky: | „David Golder“
Julia Nauhaus: „Auch bei Irène Némirovsky fasziniert mich die Biographie, auch sie stammt aus einer jüdischen Familie. Ich habe ihr Werk erst vor wenigen Jahren, zufällig, entdeckt und fast alle ihre Romane gelesen. Das Werk Némirovskys, die 1942 in Auschwitz starb, wurde erst ab 2004 wiederentdeckt. Ihre Romane sind feinfühlig und genau beobachtet, sie versammelt psychologisch interessante Charaktere, man wird in fremde Welten hineingesogen und folgt den Dialogen atemlos. David Golder fand ich besonders packend und spannend, die Hauptfigur ist ein Besessener, die Welt der Hochfinanz eine mir fremde, wohl darum besonders fesselnde Welt, die 1920er und 1930er Jahre finde ich ohnehin interessant. Aber im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte, der Niedergang, des Protagonisten und Biographien faszinieren mich immer, in der Literatur wie in der Realität."
Verlagsinfo: David Golder hat mit Spekulationen Ende der 1920er Jahre ein riesiges Vermögen angehäuft. Er ist ein mächtiger Mann und er geht über Leichen. Als sein Kompagnon Selbstmord begeht, weil Golder ihn ruiniert hat, ist dies der Anfang des Niedergangs von David Golder. Ihm wird vorgeführt, dass seine Frau, ja selbst seine über alles geliebte Tochter nur hinter seinem Geld her sind. Als Golder längst resigniert und verarmt seinem Ende entgegendämmert, tut sich noch einmal die Möglichkeit eines gewaltigen Geschäftscoups auf. Und Golder will es noch einmal, ein letztes Mal, allen zeigen.
Verlag: btb


Charlotte Brontë: Jane Eyre Charlotte Brontë: | „Jane Eyre“
Julia Nauhaus: „Jane Eyre zählt zu den oft und immer wieder gelesenen, nein verschlungenen Romanen. Es ist ein Buch, zu dem ich greife, wenn es mir nicht gut geht, ich krank bin, ich mich ablenken will. Dabei finde ich das „happy end“ fast unbefriedigend, zu „simpel“, zu entfernt von der eigenen Lebensrealität, aber die Geschichte selbst, die Beschreibungen der Landschaft, des Waisenhauses, kann ich nicht oft genug lesen. Mir gefallen Janes Mut, ihre Standhaftigkeit, auch der Schuss Irrationalität, als sie Rochesters Ruf hört, diesem folgt und zu ihm reist. Ich habe auch die anderen Romane von Charlotte Brontë gelesen, aber Jane Eyre gefällt mir am besten. Es gibt keine Verfilmung, die dem eigenen Lese-Erlebnis gleich kommt. Die Werke der Schwestern Emily und Anne zählen selbstverständlich ebenfalls zu meiner Lektüre. Ja, und auch hier wieder: die Biographien der Autorinnen sind Teil der Faszination.“
Verlagsinfo: Als vor rund 150 Jahren ›Jane Eyre‹ in London erschien, war ein Bestseller der Weltliteratur geboren. Der ergreifende Roman über eine Waise, die allen Widrigkeiten zum Trotz zur selbstbewussten Persönlichkeit heranreift und am Ende das Glück in der Liebe findet, ist seither millionenfach gedruckt, in fast alle Sprachen übersetzt, kürzlich neu verfilmt und von Lesergenerationen »verschlungen« worden. Ein prominenter Fan war Queen Victoria.
Verlag: dtv

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