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Stadtgespräch


Wir hüten die dunkle Seite von Wien

Beatrix Patzak im Interview

Beatrix Patzak (44) ist Ärztin und Direktorin des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums. Umgeben von präparierten Tumoren und in Formaldehyd eingelegten Abnormitäten leitet sie die größte pathologische Sammlung der Welt. Untergebracht in einem der mysteriösesten Gebäude Wiens: dem Narrenturm. Die StadtSpionin sprach mit der resoluten Museums-Chefin, die Ekel für wichtig hält.


Beatrix PatzakDr. Beatrix Patzak, Museums-Direktorin StadtSpionin: Sie sind die Hausherrin über das gruseligste Haus von Wien. Empfinden Sie das auch so?
Dr. Beatrix Patzak: Nein, eigentlich nicht. Für mich sind andere Sachen viel gruseliger. Zum Beispiel Geisterbahn fahren. Vor allem, wenn man etwas über die Präparate weiß, dann ist es nicht mehr gruselig. Dann ist es eher faszinierend und vielleicht auch ein bisschen eklig.
Auch für Sie eklig?
Ja, aber das finde ich in unserer Psychostruktur einen wichtigen Affekt. Es kann in unserem Leben nicht immer alles schön sein, nett und jung. Das ist nicht das Leben. Allerdings wird uns das vorgegaukelt: Immer ist alles perfekt, gesund, produktionsfähig! Wenn man dann plötzlich mit dem Unschönen konfrontiert wird, gibt es verschiedene Affekte – und einer davon ist der Ekel.
In einem runden, geschützten Turm hüten Sie sozusagen die nicht-perfekte Seite von Wien.
Ja. Wir hüten die dunkle Seite.
Und Sie fühlen sich da gut dabei?
Ja. Weil wir im Moment von den Besuchern sehr viel positives Feedback bekommen.  Dass das der richtige Weg ist und dass das die Menschen zunehmend interessiert. Diejenigen die sagen, ich will nicht mehr nur das Schöne...
Wie viel Präparate gibt es hier eigentlich?
50.000. Davon sind rund 25.000 Feuchtpräparate, die in Flüssigkeit konserviert sind. Wir sind das größte pathologische Museum der Welt. Seit 1796 werden Präparate gesammelt und alles was wir hier haben, ist krank oder Fehlbildung oder Variante. Aber vieles ist nicht so spektakulär, wie der Laie es sieht.
Beatrix Patzak (Foto: Gabriele Müller-Klomfar) Die Museums-Chefin mit einem Präparat Wer hat mit dieser Sammlung begonnen?Eigentlich hat der Direktor des Allgemeinen Krankenhauses so lange gebohrt, bis 1796 das Museum gegründet wurde und gleichzeitig das Pathologische Institut. Das sollte dazu dienen, dass die Studenten nicht an Lebenden lernen müssen, sondern an Leichen Krankheiten studieren können. Zum besseren Anschauungsunterricht hat man dann von den Krankenhausleichen Präparate entnommen und konserviert. Das war 1796 und daraus ist die Sammlung entstanden. 1812 wurde dann eine Richtlinie für die ganze Monarchie und alle Erbländer erlassen, dass überall alles gesammelt werden sollte, was merkwürdig und besonders ist. Das galt für alle Pathologien, alle Gebärkliniken und alle Wundärzte im ganzen Habsburgerreich.
Sie haben hier also von Tausenden Menschen Teile konserviert?
Nun, man kann sagen, wir sind die größte Bio-Bank der Welt. Dabei hat jedes Individuum seine eigene Museumsnummer, bleibt also als Patient eigentlich erhalten.
Den Narrenturm kann jeder Interessierte besuchen?
Narrenturm Das Museum ist im Narrenturm untergebracht, erbaut von Josef II Es gibt eine Schausammlung, da kann jeder zu den Öffnungszeiten herein. Im Erdgeschoß einfach so, den Stock darüber nur mit Führung, weil es da für die Präparate keine Beschriftungen für Nichtmediziner gibt. Die Schausammlung ist aufgestellt nach Themen – von sexuell übertragbaren Erkrankungen bis zur Tuberkulose. Dann haben wir das ganze Jahr über ein Vermittlungsprogramm, das über die normale Führung hinausgeht. Zum Beispiel Führungen über Geburtshilfe oder die Architektur. Und im Juli und August bieten wir zusätzlich Lesungen und Vorträge.  
Sie arbeiten ja nicht nur als Direktorin des Pathologischen Museum, Sie haben gleichzeitig eine Ordination als praktische Ärztin am Land. Das ist ein ziemlich krasser Gegensatz - passt denn das zusammen?
Das ergänzt sich. Das ist wirklich eine Einheit. Die Praxis ist der Richtwert , was heute moderne Medizin ist und wie die Ausprägungen der Krankheiten heute sind. Sonst verliert man sehr schnell die Erdung und denkt, die Tumore der vergangenen Zeit sind normal. Und dann gehen wir auch hier im Museum immer von der Biografie aus. Wir haben Präparate, wo ich sehr viel über den Patienten weiß. Ich kann mir also ein Bild bauen, wie der Patient bei mir in der Ordination aussehen würde. Dadurch habe ich einen viel realitätsbezogeneren Einblick, als wenn ich Theoretikerin oder ein Pathologe wäre.
Wie sind Sie eigentlich im Narrenturm gelandet?
Ich bin als Maturantin hierher gekommen. Ich wollte eigentlich Gerichtsmedizinerin Narrenturm Der Narrenturm in alter Zeitwerden, also hab ich mir gedacht, ich gehe in den Ferien vor der Uni ins Pathologische Museum und schau mal, wie das so ist. Vor 25 Jahren hab ich begonnen und als ich dann Medizin studierte, habe ich die Tätigkeit im Museum als Job daneben weitergemacht. Und seit 1993 bin ich hier Direktorin. Ich war die jüngste Direktorin eines österreichischen Bundesmuseums und auch die erste Frau.
Der Narrenturm, in dem das Museum untergebracht ist, war ursprünglich einmal das erste rein psychiatrische Krankenhaus, das je errichtet worden ist. Wie kam das Haus eigentlich zu seiner ungewöhnlichen runden Form?
Wir nehmen an, dass es sich um ein Freimauergebäude gehandelt hat. Das heißt, das Ganze ist nichts anderes als ein Mondkalender. Es gibt 28 Einzelzellen an die Außenfront gerichtet in jedem Stockwerk – und in der Mitte des Rings ist ein Gebäude, das genau nach dem Nordstern ausgerichtet ist, wo er 1784 war.
Also dann ist das ein geomantisch konzipiertes Gebäude!
Ja, und es entspricht der Traditionellen Europäischen Medizin zu der Zeit. In der Traditionellen Europäischen Medizin ist es so, dass man den Lauf der Gestirne in den Gesundheitsprozess aufgenommen hat. Das Gebäude war ja für die Heilung errichtet worden, nicht zum Wegschließen der Irren. Und da war ganz klar, dass die Berücksichtigung des Mondes einen erheblichen Teil der Heilung betrifft.
Narrenturm Veranstaltungen im Innenhof des NarrenturmsSpüren Sie das auch?
Ja. Bei den Besuchern vor allem. Vollmond ist bei uns immer eine äußerst interessante Öffnungszeit. Die Leute benehmen sich sowieso schon anders in unserem Museum, aber bei Vollmond wird es extrem.
Hat das Haus auch eine Wirkung auf Sie?
Alle die hier arbeiten oder auch nur kurz kommen und eine Facharbeit machen, sagen, dass man hier sehr aktiv wird. Man wird sehr produzierend.
Der Arbeitsplatz liefert Ihnen also Energie?
Ja! So viel würden wir hier sonst nie schaffen mit so einer kleinen Belegschaft, wenn wir in einem normalen Gebäude wären.
Der Narrenturm wurde ja von Josef II erbaut, er bezahlte ihn sogar aus seiner Privatschatulle. War ihm das ein persönliches Anliegen?
Sicher. Man kann spekulieren: Das Haus entstand genau nach dem Tod seiner Tochter, die er sehr liebte. Die ist als Kind gestorben, dann kam der Tod der Frau dazu... Er hat Zeit seines Lebens diesen Tod eigentlich nicht verwunden. Josef II war wahrscheinlich Freimaurer und bei den Freimaurern ist es so: Das Meisterstück zur Aufnahme in die Loge soll einem Heilungsprozess angehören, es soll Teil einer Heilung sein. Das würde schon passen. Es ist in der Zeit auch die Kabbala sehr wichtig und der ist er klar angehangen. In der Kabbala ist 28 die Zahl für „Gott, der du die Kranken heilst“. Er hat damit nicht nur sich geheilt, sondern auch versucht, anderen Heilung zu ermöglichen.
Zurück zur Ausstellung. Was sind eigentlich die berühmtesten oder ungewöhnlichsten  Präparate, die Sie hier haben?
Naja, berühmt ist sicherlich das 5-jährige Mädchen – ein Stopfpräparat, ein Ganzkörperpräparat. Aber das ist mehr für den Laien interessant.
Wie gehen Sie denn mit so heiklen Sammlungsstücken ethisch um?
Wir sind sehr restriktiv. Es ist bei uns im Haus sehr genau geregelt, wer wohin darf und was er sehen darf. Das hat zum größten Teile einen ethischen Hintergrund, weil wir ja jedes Präparat als Patient sehen. Das ist also hier kein lustiges Gaudium und Wachsfigurenkabinett. Wir überlegen uns auch bei Veranstaltungen schon vorher, wo könnte es zu ethisch nicht vertretbaren Situationen kommen und wo müssen wir das Konzept entsprechend anpassen.
Auf die Idee, ein 5-jähriges Mädchen auszustopfen, käme aber heute niemand mehr.
Beatrix Patzak: Faszination und EkelBeatrix Patzaks neues Buch "Faszination + Ekel"Nein. Und wenn Sie das schon ansprechen, für mich ist das auch immer die Frage: Ist so ein Museum mehrheitlich weiblich oder mehrheitlich männlich geführt. Und dieses Museum ist halt seit Jahren weiblich geführt. Wir haben auf der ganzen Dienststelle nur einen Mann. Und das ist doch ein großer Unterschied - beim Zugang zum Präparat als auch beim Zugang zum Besucher. Wir Frauen können vieles kalmieren, was die Aspekte Krankheit, Tod, Kind, Schwangerschaft , Pathologie betrifft. Der Mann ist da sicher viel härter, viel reservierter. Wir gehen durchaus auch auf die Gefühlsebene und schauen nicht immer nur aufs Reglement und die rationelle Seite. Das ist, finde ich, ganz wichtig.
Für Sie sind diese Präparate eigentlich keine Präparate, sondern Patienten?
Das sind Patienten, ja. Und ich sehe auch die Besucher ganz anders. Bei mir kann ein Besucher auch erstaunt sein oder betroffen. Das gehört dazu.
Sie sind hier ja mit Besuchern konfrontiert, die anders reagieren als in jedem anderen Museum in Wien.
Allerdings! Man kann sagen, meine Leute – die Führer und das Aufsichtspersonal – sind die zur Zeit besttrainierten Menschen in Österreich, was den Umgang mit Kollaps-Patienten betrifft. Es vergeht keine Woche, wo nicht was passiert. Es muss nicht unbedingt ein Kollaps sein, es wird den Leuten auch manchmal einfach schlecht. Oder sie bekommen Panik-Attacken. Und damit gehen wir einfach um – wir haben überall Wasser aufgestellt, jede von uns hat Traubenzucker mit, jede von uns weiß, was man tun soll. Und ich denke, das können Frauen besser.

Sabine Maier

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KONTAKT
Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum
Uni Campus, Spitalgasse 2
1090 Wien
Te. 01 / 406 86 722
Aktuelle Veranstaltungen und Infos im Web:
www.narrenturm.at

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