„Illustratorin ist ein einsamer Job – wir wollten das ändern.“
Florine Glück im Interview
Wer denkt, Illustratorinnen sitzen still und allein im Kämmerlein, hat Florine Glück noch nicht kennengelernt. Gemeinsam mit Janina Kepczynski hat sie vor acht Jahren das IllustrationLadies Netzwerk gegründet – heute in elf Städten weltweit, von Wien bis Costa Rica. Und weil das offenbar noch nicht reichte, kam noch eine eigene Agentur obendrauf: Die IllustrationLadies Agency vermittelt ausschließlich weibliche Illustratorinnen – und hat mit Hermès Paris und Austrian Airlines schon die Richtigen überzeugt. Im Gespräch erzählt Florine, wie aus einem Buch über Zeichenabende ein Businessmodell wurde – und warum es manchmal einfach Frauen unter sich braucht.

Fangen wir ganz von vorne an: IllustrationLadies – was ist das? Und was war der Auslöser bei dir und deiner Geschäftspartnerin Janina Kepczynski, dass Ihr gesagt habt: Ja, das machen wir jetzt zusammen?
Florine Glück: Wir kennen uns schon lange, lange, lange, weil wir beide vor vielen Jahren im gleichen Büro gearbeitet haben. Also das Kennenlernen an sich lief über die Arbeit und das Zusammentun war vor allem dadurch bedingt, dass Illustratorin einfach ein sehr einsamer Job ist. Oft arbeitet man einfach alleine vor sich hin, denn man ist in den seltensten Fällen als Designer in einem Team. Wir hatten beide ein ganz starkes Bedürfnis danach, uns mit anderen Illustratorinnen austauschen zu können. Die Idee für IllustrationLadies kam mir dann durch ein Buch. Vor vielen Jahren habe ich „Ladies Drawing Night“ gelesen, wo es darum geht, sich zum Zeichnen zu treffen und sich auszutauschen. Und so haben Janina und ich uns gedacht – das machen wir! Dazu haben wir ein paar Kolleginnen eingeladen, die wir schon kannten und eben Illustratorinnen, die wir noch nicht kannten. So ist das IllustrationLadies Netzwerk entstanden und wir wachsen und gedeihen seit nun acht Jahren.
Tolle Idee! Habt Ihr beide eigentlich Illustration gelernt, bevor Ihr IllustrationLadies gegründet habt?
Ich würde sagen jein – wir haben beide einen kreativen Background, aber es ist ja so, dass man Illustration nicht studieren kann. Die meisten Illustratorinnen haben etwas anderes studiert. Ich bin zum Beispiel Grafik- und Kommunikationsdesignerin, Janina ist Grafik- und Werbedesignerin. In die Illustration selbst haben wir uns beide lustigerweise erst in dem Büro eingefunden, in dem wir uns kennengelernt haben.
Beeinflusst euer beruflicher Hintergrund auch euren Illustrations-Stil?
Ja und natürlich auch einfach unser eigener Geschmack. Für das Netzwerk und die Agency ist es supercool, dass Janina und ich unterschiedliche Schwerpunkte haben. Sie kommt eher aus der Street-Art und ist besonders auf Werbung fokussiert, während ich meinen Schwerpunkt eher im Buch-Editorial gefunden habe. Allein zu zweit decken wir so schon viele Bereiche ab.
Euer Geschäftsmodell: Die „Agency“ vermittelt ausschließlich Illustratorinnen, und parallel dazu steht das „Network“ für Illustratorinnen untereinander. Wie kam euch die Idee, Vermittlung und Vernetzung zu kombinieren?
Das hat sich tatsächlich einfach entwickelt. Am Anfang stand wirklich nur das Netzwerk im Vordergrund, aber dann sind wir recht schnell bekannt geworden, auch im Ausland. Viele haben uns gefragt, ob sie das Netzwerk auch woanders weiterführen können, heute gibt es IllustrationLadies in elf Städten weltweit! Zum Beispiel in Mailand, Zürich, Amsterdam und Costa Rica. In Wien wurden wir dann immer wieder von der Kreativbranche gefragt, ob wir jemanden für bestimmte Projekte kennen. Mal wollte jemand, dass die Schuhe in seinem Shop bemalt werden, mal sollte ein Mural entstehen oder eben ein Editorial. So haben wir gemerkt, dass es im Bereich Illustratorinnen-Vermittlung offensichtlich Bedarf gibt. Also haben wir uns eine Handvoll Illustratorinnen ausgesucht, die wir schon gut kannten und haben begonnen, sie für passende Projekte zu vermitteln. So war unsere Agency geboren (lächelt).
Ein tolles Projekt. Welche Art von Illustratorinnen habt Ihr mittlerweile in eurem Portfolio?
Also wir haben jetzt zwei, drei Graphic Recorderinnen, ein paar Live-Zeichnerinnen, ein paar Buchgestalterinnen, ein paar Werberinnen … Grob gesagt versuchen wir, die ganze Bandbreite abzudecken, damit wir sehr passgenau vermitteln können.
Warum habt ihr euch entschieden, nur weibliche Illustratorinnen zu vermitteln? Welche Chancen seht Ihr darin und gibt es dadurch auch Herausforderungen?
Das war auch inspiriert vom Buch „Ladies Drawing Night“. Aber auch, weil wir als Frauen genau wissen, wie es ist, in dieser Branche zu arbeiten. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Frauen es oft schwerer haben, sich zu präsentieren als Männer. Viele denken: Ich brauche erst noch eine Fortbildung, ich traue mich das noch nicht. Aber wenn man sich zusammentut, fällt es den Frauen leichter. Wir wollen damit einfach Frauen aus der Kreativbranche in ihrer Entwicklung supporten. Und ja, natürlich gibt’s auch Herausforderungen. Viele verstehen nicht, warum es nur für Frauen ist. Wir hatten auch schon oft Männer, die bei den Zeichen-Sessions mitmachen wollten. Wir sagen dann immer: „Ja, wenn Ihr euch traut, natürlich dürft Ihr kommen, aber eigentlich ist es für Frauen.“ ;-)
Hast du im Allgemeinen das Gefühl, dass es eher eine weibliche oder eine männliche Branche ist? Oder kann man das überhaupt sagen?
Das kommt immer ein bisschen auf die Bereiche an. Kinderbuch-Illustrationen sind sehr weiblich dominiert und Männer sind stärker im Gaming- oder Animations-Sektor vertreten. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass es eine very ausgewogene Branche ist.
Wie funktioniert denn der Vermittlungsprozess bei IllustrationLadies? Wie kommt ein Projekt zustande – vom Auftraggeber über die Auswahl bis zur Umsetzung?
Ganz unterschiedlich. Zum Teil fragen KundInnen an, die schon genau wissen, wie man mit Illustratoren arbeitet, wie beispielsweise Agenturen, und dann gibt es Leute, die anrufen und sagen: Ich hätte gern ein Mural in meinem Hotel, aber ich weiß gar nicht, wie der Prozess für so etwas abläuft. Da geht es dann viel darum, vor der Vermittlung herauszufinden, was der Kunde wirklich möchte – von den Vorstellungen bis hin zu Budget-Fragen. Manchmal fällt einem dann direkt eine passgenaue Illustratorin ein oder man stellt dem Kunden ein paar Kandidatinnen vor und er sucht sich eine aus. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt die Illustratorin dann selbst das Projekt. Also wir sind Empfehlung, Vermittlung und auch Beratung, wenn man so will, aber dann geht alles in die Hand der jeweiligen Illustratorin über.
Gibt es Projekte oder Geschichten, auf die Ihr besonders stolz seid?
Eigentlich ist alles spannend und toll (lacht). Zurzeit haben wir einen besonderen Hype, was Graphic Recording angeht. Da geht es darum, dass zum Beispiel jemand einen Vortrag hält oder ein großes Team-Meeting stattfindet und am Ende sollen die Ergebnisse zusammengefasst werden – aber eben in Bildform. Also zeichnet die Illustratorin während des Vortrags mit und ihre Zeichnungen werden an die Wand gebeamt. Das macht besonders trockenere Themen natürlich sehr kreativ und man kann sich durch ein Bild oft besser an das Gesagte erinnern. Es ist auch faszinierend für das Publikum, wenn jemand so schnell und spontan zum Gesprochenen etwas zeichnet.
Ansonsten ist es natürlich auch immer ein Erfolgserlebnis, wenn man eine Illustratorin besonders gut vermittelt hat und sowohl sie als auch der Kunde happy sind. Es gibt ja ganz spezielle stilistisch-thematische Spezialisierungen. Eine unserer Illustratorinnen kann beispielsweise unglaublich gut Tiere zeichnen. Wenn wir es schaffen, sie für ein Projekt zu vermitteln, bei dem sie sich mit ihren tollen Tierzeichnungen ausleben kann, macht uns das natürlich immer sehr glücklich.
Und jetzt eine gegenteilige Frage: Gab es auch Momente, in denen ihr an Grenzen gestoßen seid – z. B. als Gründerinnen oder als Frauen in der Kreativbranche?
Also als Frau hatte ich eigentlich nie Herausforderungen. Ein typisches Agenturproblem, bei dem die Nerven oft blankliegen ist natürlich, wenn Leute anfragen und man telefoniert hundert Mal hin und her, damit ihnen am Schluss einfällt, sie wollen das Projekt doch nicht machen. Oder ein Projekt ist bereits ins Rollen gekommen, die Skizzen werden angefertigt und dann will die Kundin doch ein Foto. Alles schon passiert, gehört halt dazu.
Ja, leider. Deshalb schnell zu einem schöneren Thema: Ihr habt beide nebenbei auch eure eigenen Designstudios. Du Florine „BueroApril“ mit deinem Label „Musterglück“ und Jana „JANINSKI“. Erzähl uns ein wenig darüber.
Ja genau, ich habe zum einen mein Studio Florine Glück. Hier liegt der Schwerpunkt auf Illustration für Verlage und Zeitschriften in Österreich und Europa. Zusätzlich gibt es eben noch mein Design-Studio BueroApril und unter dem Label Musterglück entwickle ich eigene Tapeten- und Musterdesigns. Janina fokussiert sich mit ihrem Studio vor allem auf Illustrationsarbeiten für internationale Marken unter anderem in den Bereichen Werbung, Wandgestaltung und Live-Illustration auf Events. Gemeinsam haben wir gerade ein größeres Projekt für Wien Energie realisiert, bei dem Wandbemalungen in der Therme Wien das Thema Strom und Energie aus Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen mit freundlichen Zeichnungen erklären.
Super, das muss man sich unbedingt anschauen gehen! Hast du daneben noch ein aktuelles Lieblingsprojekt?
Ja, tatsächlich! Die Postkartenserie „Wienliebe“ habe ich selbst entwickelt und vertreibe sie auch selbst. Zu kaufen gibt es die Karten in vielen Wiener Shops unter anderem im Wienmuseum, Buchhandlung Südwind, im coolen Ototo Shop, im Café Schopenhauer und einige mehr. Die Postkarten sind letztes Jahr mit dem Joseph Binder Award ausgezeichnet worden – ein renommierter, internationaler Preis für ausgezeichnetes Design und Illustration. Und jetzt kam eine druckfrische 3D-Postkartenserie über Wien für die Firma Dataform Media auf den Markt. Projekte mit Wien-Bezug finde ich immer total schön!
In Wien und international: Welche Entwicklungen seht ihr derzeit am Illustrations- und Kreativmarkt?
Naja, die KI-Geschichte, um die keiner herumkommt. Das beeinflusst unseren Berufszweig extrem und zwar in allen Bereichen – sowohl Animationen als auch Anwendungen von Illustrationen. Da passiert viel und nicht nur Gutes, würde ich mal sagen. Wir merken schon, wie sich die Auftragslage und Nachfrage verändern, einfach auch, weil sich im Beruf an sich viel verändert. Mittlerweile kreieren Agenturen viel mehr in-house, weil sie es halt einfach programmieren können.
Habt ihr für euch schon Lösungen gefunden, wie Ihr damit umgeht? Gibt es auch manche Veränderungen, bei denen Ihr sagt: Cool, das hätten wir ohne KI früher nie machen können?
Im Großen und Ganzen empfinde ich den aktuellen KI-Trend in unserer Branche als sehr negativ. Klar kann man es hin und wieder als nettes Arbeitswerkzeug hernehmen, aber mal ehrlich: Wir haben unser ganzes Leben gelernt um unsere Werke, wie sie heute entstehen, zu erschaffen. Und dann kommt da einer und klaut es einfach. Das ist scheiße. Zum Glück merken wir dazu auch eine Gegenbewegung, denn viele Menschen wissen es umso mehr zu schätzen, wenn sie einen echten Menschen vor sich haben, der sie wirklich gut für ihr Projekt berät. KundInnen präsentieren ja auch gerne die Person, die hinter dem Werk steht und teilen die Backstory mit. Das kommt besonders im KI-Zeitalter sehr gut an, weil die Illustrationen umso wertiger erscheinen.
Ihr seid beide in Wien beheimatet. Was macht die Stadt für euch als Kreativstandort besonders spannend?
Es ist extrem viel geboten in Wien. Man kann sich mit vielen Personen vernetzen und austauschen, es finden viele spannende Events statt, die Szene Kreativwirtschaft ist einfach extrem lebendig und inspirierend. Dieses Großstadt-Feeling und die Flexibilität, die sich dadurch bietet, weiß ich sehr zu schätzen. Wenn man am Land lebt, kann man sich am Abend eher nicht spontan entscheiden, noch auf eine Vernissage zu gehen.
Ja, das stimmt – wissen wir als StadtSpioninnen nur zu gut ☺ Gibt es Wiener Orte, die für dich ganz besondere kreative Hotspots sind?
Das ändert sich bei mir immer so über die Jahre ... Ich bin immer gerne im MuseumsQuartier und jetzt waren wir auch ein paar Mal eingeladen, im Wien Museum zu zeichnen, das war einfach mega! Es ist so schön, da oben in den neuen Atelier-Räumen zu sitzen und quasi die Fensterscheibe der Karlskirche vor der Nase zu haben (lacht). Besonders für mich als Wien-Sightseeing-Fan ist das extra-cool. Ansonsten liebe ich es auch im Grünen zu sein, zum Beispiel auf der Donauinsel. Ach, Wien ist einfach überall schön!
Interview: Justine Lepoix
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BISHER ERSCHIENEN
Florine Glück, Mitbegründerin IllustrationLadies
Sophie Frank, Strick-Queen
Seh-Ra Klepits, Gründerin Gibun Tea
Isabell Claus, Gründerin thinkers.ai
Sandra Scheidl, Köchin
Marlene Kelnreiter, Käsemacherin
Doris Pulker-Rohrhofer, Geschäftsführerin Hafen Wien
Lisz Hirn, Philosophin und Publizistin
Carla Lo, Landschaftsarchitektin
Ulli Gladik, Dokumentarfilmemacherin
Katharina Rogenhofer, Sprecherin Klimavolksbegehren
Barbara van Melle, Slow Food-Botschafterin
Ilse Dippmann, Frauenlauf-Gründerin
Clara Luzia, Singer-Songwriterin
May-Britt Alróe-Fischer, Leiterin des Modepalast
Anita Zieher, Schauspielerin & Theatermacherin
Clara Akinyosoye, Chefredakteurin "fresh"
Elis Fischer, Krimi-Autorin
Cecily Corti, Obfrau von VinziRast
Barbara Glück, Leiterin KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Ingrid Mack, Erotikfachfrau und Besitzerin von "Liebenswert"
Petra Jens, Fußgängerbeauftragte
Ursula Kermer, Gründerin Muu-Design
Nathalie Pernstich, "Babette's"-Inhaberin & Gewürzpäpstin
Stefanie Oberlechner, Donau-Schiffskapitänin
Christine Kintisch, ehemalige Leiterin der BAWAG Contemporary
Anette Beaufays, Leiterin der Art for Art Kostümwerkstätte
Annemarie Harant, Gründerin der "Erdbeerwoche"
Ulli Schmidt, Geschäftsführerin der Wiener Tafel
Kathi Macheiner, Mode-Designerin "sixxa"
Nuschin Vossoughi, Chefin Theater am Spittelberg
Claudia Krist-Dungl, Geschäftsführerin des Dungl Zentrums Wien
Andrea Brem, Chefin der Frauenhäuser Wien
Christina Zurbrügg, Jodlerin
Gabriele Schor, Leiterin Sammlung Verbund
Frenzi Rigling, Künstlerin
Elisabeth Gürtler, Sacher-Chefin
Margot Schindler, Direktorin des Volkskundemuseums
Friederike Range, Wolfsforscherin
Mercedes Echerer, Schauspielerin
Verena Forstinger, Hoteldirektorin "Style Hotel Radisson"
Karin Troschke, Papierrestauratorin
Gabriele Gottwald-Nathaniel, Leiterin von "gabarage" und Kalksburg
Rahel Jahoda, Therapeutin bei intakt, dem
Zentrum für Ess-Störungen
Lisa Muhr, Mode-Designerin "Göttin des Glücks"
Aslihan Atayol, Schmuck-Designerin
Beatrix Patzak, Direktorin des Pathologischen Museums
Lama Palmo, buddhistische Priesterin
Elke Krasny, Stadtforscherin
Ingrid Erb, Bühnen- und Kostümbildnerin
Jutta Ambrositsch,
Winzerin in Wien
Monika Buttinger, Designerin "Zojas"
Ketevan Sepashvili, Pianistin


