Stadtgespräch
„Wir sind alle am Limit – Offline-Gehen sollte Teil unserer Mental Health sein.“
Anna Lena Wagner im Interview
Ständig erreichbar, ständig online, ständig auf der Suche nach dem nächsten Input: Anna Lena Wagner kennt die
digitale Dauerbeschallung nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus ihrem Job in der Social-Media- und
Kreativbranche. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie deshalb den The Offline Club nach Wien gebracht – einen Ort, an
dem Handys im „Handy-Hotel“ landen und wieder Zeit für echte Begegnungen, Gespräche und ein bisschen Langeweile
bleibt. Warum gerade Wien-BewohnerInnen es manchmal schwer haben, neue Kontakte zu knüpfen, warum ein Museum ein
besonders guter Offline-Ort ist und weshalb Offline-Sein für sie mittlerweile genauso wichtig ist, wie bewusstes
Essen, hat uns die Gründerin im Interview verraten!

Seit vergangenem Herbst bringt ihr mit The Offline Club Vienna Menschen zusammen, die freiwillig ihr Handy abgeben. Was war dein persönlicher „Jetzt reicht's mir mit dem Handy“-Moment? Und wie ist daraus ein Club für Digital Detox geworden?
Anna Lena Wagner: Die Idee ist eigentlich mehr oder weniger so entstanden, dass ich
und Jacob – das ist unser CEO bei der Wurst Agency, die ich leite – immer gemeinsame Side Projects haben.
Irgendwann kam er auf mich zu und meinte: Lass uns Offline-Events machen! Ich muss sagen, ich habe gar nicht
lange darüber nachgedacht und direkt ja gesagt, denn es ist einfach offensichtlich: Wir scrollen alle viel zu
sehr am Handy und sind dauer-online. Aber zu dem Zeitpunkt war es jetzt nicht meine Mission offline zu sein, ich
wollte es einfach mal ausprobieren. Nach unserem ersten Event habe ich aber wirklich den Unterschied gemerkt und
mittlerweile bin ich soweit, dass ich ganz bewusst mein Handy für einen Tag abschalte oder im Urlaub auch
einfach mal im Hotel liegen lasse.
Und wie kam es dann von der Idee zum heutigen Offline-Club?
Der Gedanke hinter dem Ganzen ist für uns nicht nur offline zu gehen, sondern auch eine Community zu bilden und
Leute auf eine entschleunigte Weise zusammenzubringen. Letztes Jahr haben wir unser erstes Event gehostet und
danach hat uns der Offline-Club aus Amsterdam ein Franchise angeboten. Das ist eine sehr große, weltweite
Community, die mittlerweile in 19 Städten aktiv ist. Wir dachten uns why not? Wir haben die gleichen Interessen
und Ziele. Jedenfalls hat uns das schnell bekannt werden lassen und seit Februar hosten wir ca. vier Events im
Monat und sind begeistert!
Du leitest ja die Wurst Agency und arbeitest somit selbst in der Social-Media- und Kreativbranche. Ist das nicht eigentlich ein ziemlich schöner Widerspruch – tagsüber digitale Kommunikation und dann am Abend Menschen dabei helfen, ihre Handys wegzusperren? Glaubst du, eure Idee könnte auch gerade daraus entstanden sein?
Ja, definitiv. Wir kennen dieses übersättigte Online-Sein ja auch aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis und
eben besonders in unserem Job. Wir produzieren wirklich ständig Content und haben dabei auch noch super tighte
Deadlines und sind ständig auf der Suche nach neuem Input. Das macht etwas mit einem. Da war der Gedanke einfach
mal offline gehen zu können total beruhigend.
Beschreibe kurz, wie ein Offline-Event bei euch abläuft.
Eigentlich gibt es immer einen ähnlichen Ablauf, nur die Themenschwerpunkte und Activities ändern sich. Wer
ankommt gibt als allererstes sein Handy im „Handy-Hotel“ ab, das ist eine Box mit kleinen Slots, wo man das
Handy einschließt. Es kommt übrigens ziemlich häufig vor, dass die Leute dann am Ende gehen und ihr Handy
vergessen (lacht).
Dann starten fast alle Events mit unserer bekannten „Silent Time“. Das ist
gemeinsames Schweigen für 15 Minuten bis zu einer Stunde. Währenddessen kann man einfach nur durch die Gegend
starren, sein Journal befüllen, lesen oder was auch immer leise ist. Danach darf wieder geplaudert werden und
jeder kann machen, wonach ihm ist. Wir haben unterschiedliche Areas zum Basteln, Brettspiele spielen, Lesen oder
manchmal laden wir Gäste ein, wie etwa für Kabarett-Lesungen usw. Wir leiten das Ganze als Hosts und gehen dann
auch zu den einzelnen Personen hin und versuchen zu connecten. Es kommen nämlich viele TeilnehmerInnen alleine
und die fragen wir dann gerne, ob wir sie mit anderen TeilnehmerInnen connecten sollen. Und, wer lieber für sich
bleibt – völlig fein! Es ist kein Networking-Event, aber trotzdem beobachten wir immer wieder, wie sich Leute
vor Ort kennenlernen und dann zu fünft oder sechst das Event verlassen und den Abend gemeinsam noch ausklingen
lassen.
Was ist eigentlich typisch wienerisch an eurem Offline Club? Was
würde bei einem Offline-Abend in Wien anders funktionieren als etwa in Amsterdam oder London?
Ich glaube, da hat jede City ihren ganz eigenen Touch. Ablaufen tun die Events an sich ähnlich, aber der Vibe ist anders. Ich war beispielsweise bei einem Offline-Event in Amsterdam dabei, das ist natürlich anders, als unsere Events in typischen Wiener Kaffeehäusern. Wir suchen speziell nach Locations, wo die Leute gemütlich zusammenfinden und ins Reden kommen. Ich würde sagen es kommt vor allem auf den kulturellen Aspekt des Standorts an.
Ihr habt schon sehr unterschiedliche Wiener Orte bespielt – vom Heurigen über das Wirtshaus bis zum Prater. Welcher Ort in Wien eignet sich deiner Meinung nach besonders gut, um offline zu sein?
Lustigerweise eignen sich richtig viele Orte dafür, aber ich würde sagen, mein liebster Ort ist das Museum. Wir
haben ja mittlerweile eine Kooperation mit dem MAK und das sind meine Lieblingsevents. Man denkt eigentlich ist
man im Museum eh offline, aber das stimmt gar nicht. Man schaut immer wieder aufs Handy, will vielleicht etwas
zum Künstler recherchieren, fotografiert, was man sieht, postet schnell eine Story etc. Man ist eigentlich nicht
im Moment. Ich finde, es müsste in Museen generell eine Regel eingeführt werden, dass Handys abgegeben werden
müssen.
Viele Menschen kommen zu euren Veranstaltungen, um in Wien Anschluss zu finden, gerade Expats. Ist Offline-Sein vielleicht sogar eine besonders gute Möglichkeit, in einer neuen Stadt Menschen kennenzulernen?
Ja, auf jeden Fall. Aber auch hier gibt es große Unterschiede von Stadt zu Stadt. In Amsterdam kommen beispielsweise vor allem Einheimische zu den Events. In Wien ist das ganz anders. Ich merke es ja an mir selbst, ich bin auch aus Kärnten zugezogen und finde, die WienerInnen sind einfach gern unter sich. Das ist so eine kleine Bubble und es ist gar nicht so easy da reinzukommen. Heißt aber auch, dass WienerInnen gar nicht so viele neue Connections machen müssen bzw. nicht sehr daran interessiert sind. Deshalb besteht ein Großteil unserer Community aus Expats, die noch einen kleinen Freundeskreis haben oder einfach etwas erleben wollen.
Und sprecht ihr Zugezogene gezielt an oder finden sie alleine zu euch?
Das ist eher eine Mischung. Wir von der Wurst Agency sind ja auch für das englischsprachige Magazin Vienna
Würstelstand zuständig und ich denke, dadurch, dass wir dazu immer wieder Content crossposten, werden wohl viele
Expats angesprochen. Viele kennen den Offline-Club auch schon aus anderen Cities, wohnen jetzt in Wien und
kommen, weil sie schon woanders gute Erfahrungen mit dem Club gemacht haben.
Auf eurer Website beschreibt ihr den Offline Club als „third place“, also als Ort
zwischen Zuhause und Arbeit. Warum fehlt uns dieser dritte Ort heute so sehr?
Das hat meiner Meinung nach vor allem zwei Gründe. Zum einen beobachten wir immer stärker den Loneliness-Trend.
Leute werden immer einsamer, weil so vieles nur noch online stattfindet. Um dem vorzubeugen sind unsere Events
auch entstanden. Zum anderen ist man vor der aktuell extremen Online-Bubble einfach leichter mit anderen
Menschen in Berührung gekommen. Wer aber heutzutage nicht mehr unbedingt fortgehen mag, tut sich da direkt
schwer. Es fehlt eben ein Third Space und, wenn es dann mal einen gibt, wie etwa das Gym, dann hängen da auch
alle am Handy rum. Darum ist der USP unserer Events weniger das Handy wegzulegen, als den Menschen einen Ort zu
bieten, wo sie den Gedankenanstoß bekommen, wirklich offline zu gehen und sich durch das Abgeben ihres Handys
voll und ganz auf ihre Mitmenschen zu fokussieren.
Das Schöne bei uns ist ja auch, du musst nichts
können. Du musst nicht töpfern, du brauchst kein bestimmtes Wissen, du kannst dich einfach nur connecten. Und
die Leute, die kommen, interessieren sich ja für andere Leute – deshalb kommen sie. Also der perfekte Rahmen!
Ist Offline-Sein für dich mittlerweile ein Luxus? Immerhin zahlen Menschen Geld dafür, einige Stunden ihr Handy weglegen zu können.
Das Wort „Luxus“ würde ich vielleicht nicht verwenden, aber ich finde, dass Offline-Gehen ein Teil unserer
Mental Health geworden ist. Ich vergleiche das gerne mit bewusstem Essen. Man weiß heutzutage, man braucht sich
nicht alles zu verbieten, aber man schaut bewusst darauf, besser und gesünder zu essen. Und ich glaube so ist
das auch mit dem Offline-Sein. Man schaut bewusster darauf und sagt sich hin und wieder: Ok, heute mache ich mal
einen Sonntag ohne Handy. Dafür sind auch unsere Events gedacht, dass man mal für ein paar Stunden in sein
Offline-Ich reinfühlen kann. Und wer danach denkt, passt, das mache ich nächste Woche nochmal für mich zuhause,
der hat ja schon was gewonnen.
Glaubst du, dass wir
irgendwann wieder an einen Punkt kommen, an dem wir unser Handy ganz selbstverständlich bei einem Essen, im
Museum oder beim Spaziergang in der Tasche lassen – oder werden wir dafür weiterhin „Offline Clubs“ brauchen?
Ich denke, wir sind wirklich am Limit, was Informationsaufnahme betrifft. Also da ist nicht mehr viel Luft nach
oben, daher gibt es durchaus den Wunsch nach weniger Screen-Zeit. Andererseits sind wir nicht darauf
konditioniert von selbst etwas dagegen zu tun, Handys sind ein echtes Suchtmittel. Deshalb glaube ich schon,
dass noch einiges in Richtung Offline-Angebote aufploppen wird.
Und zum Abschluss: Wenn Wien für 24 Stunden komplett offline wäre – keine
Smartphones, kein Internet, kein WLAN: Was glaubst du, würde die Stadt als Erstes machen?
Ich glaube, einkaufen gehen, sich irgendwo draußen hinsetzen und mit Leuten ratschen. Ohne Internet können die
meisten von uns wahrscheinlich eh nicht mehr arbeiten gehen, das heißt wir würden wohl rausgehen und uns
austauschen, was man jetzt so alles machen könnte, ohne das Internet (lacht).
www.theoffline-club.com
Interview: Justine Lepoix
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